Cuba Februar 2011


VUELTA A CUBA

Vuelta a Cuba ist nicht nur der Name eines jährlich stattfindenden Radrennens in Kuba, sondern heißt wortwörtlich: Rückkehr nach Kuba. Und genau das war unsere zweite Reise nach Kuba.

Anreise:Wie schon bei unserer ersten Reise buchten wir über RUEFA, und zwar nur den Flug. Die Unterkunft hatten wir privat besorgt, und zwar wieder im Stadtteil Vedado, der zwischen Centro Habana und Miramar liegt. Wie auch schon bei unserer ersten Reise war auch diesmal beim Flug alles problemlos. Man fliegt dem Tag sozusagen nach, und da kaum wer schläft, hat man im Flugzeug immer, wenn man will, die Gelegenheit, mit Leuten zu plaudern und sich so die Zeit zu vertreiben.Ich habe es mir schon während unserer ersten Reise nach Kuba zur Angewohnheit gemacht, persönliche Eindrücke in meinen schwarzen Moleskine zu schreiben. Ich bin ja sowohl beruflich als auch privat quasi ständig online, und die zwei Wochen ohne Smartphone, Laptop und Internet sind für mich so, als würde jemand das Grundrauschen meines Lebens abdrehen.Die Stille ist am Anfang ohrenbetäubend. Und dann wundervoll. Statt also einfach so loszuschwadronieren, werde ich diesen Reisebericht anhand meiner Notizen zusammenfassen und mit Fotos anreichern. Sachliche Details habe ich ja bereits in meinem ersten Reisebericht abgehandelt, hier geht es mehr um persönliche Eindrücke und Gedanken.


Handblown notes

18.02:Bei der Condor 767 beachten: Nicht in jeder Reihe sind Fenster (Wir - Reihe 18, ist ok)

17:09: Mir fiel gerade in der Ruhe auf, dass das Flugzeug ein regelmäßiges Brummen von sich gibt, fast wie das Schnurren einer schlafenden Katze, die man im Arm hält.

19.02: Kein Badewetter

Der Tag war in Wolken und Wind gehüllt, was uns aber egal war, weil wir ihn schon gestern nach unserer Ankunft in Rum ersäuft hatten.

Wir waren gleich, nachdem wir die Zimmer in Vedado bezogen hatten (Unsere Zimmerwirtin Lizbet und Chino waren am Flughafen, um uns abzuholen), mit unserem Freund Chino am Malecon, wo es zu windig und frisch war, um sich einen anzusaufen. Also gingen wir mit zwei Flaschen Anejo Blanco und zwei Flaschen Sprite und Plastikbechern zum Bim Bom, Ecke Rampa und Malecon, Dort gaben wir uns die Kante, was bei mir und Richard zu einem ziemlich heftigen Filmriss führte.

Doch irgendwie gelang mir von Lizbets Terrasse dieses Foto

Richard wachte neben Gerardo auf und ich finde, das ist ein guter Grund, aufzuwachen. Wenn auch nicht, um gleich aufzustehen.

Den Rest des Tages nüchterten wir aus, der Wind heulte ums Haus. Las ein wenig in Hemingways "Inseln im Strom" und trieb es mit Chino. Er flüsterte mir "Papi" ins Ohr. Das fand ich irgendwie süß.

20.02: Kein Badwetter

Wer früh schlafen geht, kann früh aufstehen. Nach dem Desaster von Freitagnacht inklusive Filmriss haben wir den Samstag zur Reparatur verwendet und sind nüchtern gegen 01:00 ins Bett. Jetzt, gegen 09:45 besprechen wir beim Frühstück (Toast, Rührei, Mangoscheiben, Papayafrapee), was wir heute unternehmen, während im Fernsehen die spanische Version von "Finding Nemo" läuft. Ich bin stark fürs Hemingway Haus, dann ins Coppelia, Eis essen, in der Stadt bummeln und Fotos machen.

Wir entscheiden uns für Bummeln, einfach so. Ich will auf jeden Fall ins Ambos Mundo in der Obispa und ein paar Mojitos trinken, am besten oben auf dem Dach.

In manchen Wohnungen in Havana Centro sitzen die Leute, schweigend, die Türen und Fenster sind offen, und starren irgendwo hin. In diesen Wohnungen ist die Stille nach der Revolution beinahe ohrenbetäubend.

Wir sitzen in der spanischen Befestigungsanlage La Cabaña auf der anderen Seite der Bucht und trinken Bier und Reinaldo Arenas würde weinen. La Cabaña war die erste militärische Anlage der Spanier in der Karibik und nach den Wirren der Revolution diente die steinerne Anlage als Gefängnis für politische Gegner, Dissidenten und Schriftsteller wie Reinaldo Arenas.

Und jetzt?

Jetzt wird hier die zwanzigste Buchmesse abgehalten. Einst wurden hier Schriftsteller eingesperrt, heute werden hier ihre Werke ausgestellt. Es ist ein wundervoller, großer Tag voller Wind und Sonnenschein. Ich habe noch nie so viele Kubaner auf einem Haufen gesehen wie hier auf dem Arealvon La Cabaña bei der Buchmesse. Es ist wie auf einem Jahrmarkt und die Hauptattraktion sind Bücher, tonnenweise, Millionen von Bücher. Die Leute hier tragen Kinder, Bier, gebratene Hühner und stapelweise Bücher, stapelweise Bücher ... Irgendwie finde ich den Anblick dieser Menschenmassen, die eine Buchmesse zum Anlass für einen Familienausflug nehmen, sehr tröstlich und hoffnungsvoll.

21.02 Badewetter

Heute gegen 08:00 aufgestanden. Richard und ich haben von dem langen Spaziergang (Habana Centro und El Morro) einen gar nicht mal so harmlosen Sonnenbrand bekommen: Arme, Stirn, Genick, und dort, wo das Haupthaar schon schütter wird :-)

Nichtsdestotrotz geht es heute zum Strand - endlich. Zuerst aber geht es auf die Bank, Geld wechseln, und Wasser muss ich auch noch kaufen.

Endlich wieder am Strand von Mi Cayito. Ich gönne mir einen Sonnenschirm, weil ich von gestern noch gebrandmarkt bin von der Sonne.


Gedanke

Wenn man aus allem die Reibung nimmt, bleibt Beliebigkeit. Dieser Gedanke kam mir, als wir von der Busstation (Santa Maria del Mar, Atlantico) hierher gingen. Kuba ist in mancher Beziehung und in gewissen Teilen des Lebens spröde und schwer zugänglich - und genau das macht seinen Reiz aus, ohne sich anzudienen, hat es einen sehr eigenwilligen Reiz. Im Vergleich zu Spanien oder Italien mit seinen Gesetzen für alle Lebenslagen ist Kuba geradezu luftig, aber auch unschuldiger und wilder. Das Leben in Kuba ist voller Unstimmigkeiten und Reibungen und gerade das reizt einen Reisenden wie mich so daran.

Am Strand einen ungewöhnlich hübschen Jungen kennengelernt.Chino hat ihn angesprochen; etwas, das nirgendwo auf der Welt leichter zu gehen scheint als hier in Kuba. Robert setzte sich zu uns und setzte alles daran, uns zu gefallen. Er sprach ziemlich gut englisch und er machte unmissverständlich klar, dass er wegwollte. Er wusste nicht genau, wohin, aber er wollte weg, runter von der Insel, irgendwohin. Mit Chino liebäugelte er, um sich sein Wohlwollen zu sichern, und dann mit mir, weil ich a) Tourist bin und b) Richard bereits mit Gerado besetzt war. Für meine persönlichen Bedürfnisse war Robert zu jung und zu fordernd, er schien darauf trainiert, sich anzubieten und zu gefallen. Mir gefällt das nicht so.

Wir haben dann zu viel am Strand getrunken. Robert kam mit uns mit nach Havanna. Ich glaube, Robert ist genau die Art von Bursche, vor der uns Darek, unser Freund, uns immer gewarnt hatte: Süß, anschmiegsam, mit Tränen in den Augen und anhänglich.

Natürlich bin ich auf ihn reingekippt. Der Sex war geprägt von abschätzender Neugier und ernsthaftem Interesse, aber er war nicht gut, obwohl er hätte gut sein können. Er gab sich einfach zu viel Mühe, genau das zu sein, was ich wollte.

Nach dem Abendessen in Havanna habe ich Robert mit 30 CUC nach Hause geschickt und wir haben uns ausgemacht, uns am Dienstag wiederzusehen. Ich hoffe, das bleibt aus. Irgendwie war es mir unangenehm, derart im Fokus eines Jugendlichen zu stehen. Es erscheint mir unpassend.

Wir sind sehr früh schlafen gegangen.

22.02.

schon um 07:30 wach. Yorleikis hat uns aufgeweckt, als er plötzlich und unangemeldet da war :-)

Nach dem Frühstück gingen wir zum Hotel Habana Libre, um dort in einem Geschäft eine stärkere Sonnenmilch zu kaufen. Dann besorgten wir noch Mineralwasser und ab zum Strand.

OK: Sonnenmilch im Habana Libre gekauft. 30er.

Wenn Du auf einem Bein in der Brandung von Micayito stehst, kann es helfen, eine Flasche Rum in der Hand zu halten. Den Rest erledigt die Sonne. Bleib einfach stehen.

Im Gegensatz zum Sommer habe ich jetzt nicht so stark das Bedürfnis zu schreiben, obwohl sich die Kurzgeschichten melden.


23.02

Am Strand (13:40)

Gestern waren wir nach einem guten Abendessen und einem kurzen Nickerchen am Malecon saufen. Vier Flaschen Rum und da haben einige mit genascht. Wir haben Isaac kennengelernt, einen jüdischen Kubaner.

Gestern haben wir uns übrigens auch im Hotel Presidente nach Inseltouren erkundigt, und haben beschlossen, von Sonntag an eine Dreitagestour nach Varadero zu machen.

Chino und Richard blieben länger am Malecon, ich ging nach Hause wegen Anzeichen von Durchfall, was hier so nett als Tropikaka bezeichnet wird. Verlockt zum Lachen, erleichtert aber nicht die Suche nach einer Toilette, und im Hotel National habe ich vermutlich die nächsten dreißig Jahre Kackverbot.

24.02:

Richard hat heute Roberto (nicht Robert) kennengelernt, einen netten Burschen aus Holguin, der den weiten Weg nach Santa Maria del Mar auf sich genommen hat, um Touristen kennenzulernen.

Jetzt, um 22:00 bereiten wir uns nach einem saustarken Kaffee aufs Fortgehen vor.

25.02:

Richard und ich allein am Strand. Gerado ist übel vom saufen gestern, Chino hilft einem Freund, eine Geburtstagsparty einzurichten, und Yorleikis fliegt nach Hause nach Guantanamo, weil es seinem Großvater sehr schlecht geht.

Es ist mäßig windig und durchziehend bewölkt. Wir haben Liegen genommen.


18:00

Heute am Strand die Originalsextouristin gesehen, ich meine jetzt eine echte Frau, blond, welk und lüstern, die sich mit zwei halbwüchsigen Cubanos zierte und von Koks und Hotels in Paris schwatzte. Wahrscheinlich zuerst fröhlich koksen und dann ficken bis der Arzt kommt. Erinnerungswürdig war das deshalb, weil es im absoluten Nirgendwo ablief. Mi Cayito bietet nichts als den Strand und jenseits der bewachsenen Düne, an einer leeren, in der Hitze flimmernden Straße, eine Getränkebude. Merke: die an weiblichen Touristen interessierten Jineteros scheinen alle ein Faible für hautenge, weiße Kleidung zu haben.

In Vedado, auf der Stadtseite des Malecon, gibt es in Steinwurfnähe zur Calle G ein paar sehr gute Lokale, die hauptsächlich von Einheimischen besucht werden. Gutes Essen zu annehmbaren Preisen.


Mehr noch als im Sommer fühle ich mich in Havanna wie in einem literarischen Biotop. Parallel zu der Buchmesse gibt es auch jetzt wieder die fliegenden Händler, die auf schiefen Regalen ihre angestaubten Taschenbücher anbieten. Havanna ist eine Stadt, die nicht nur einlädt zu lesen, sondern auch zu schreiben. Kommt man sich beispielsweise in Wien, Amsterdam oder New York immer ein wenig wie ein Selbstdarsteller vor, wenn man in der Öffentlichkeit schreibt (Ins Notebook oder in den obigatorischen Moleskine), lehnt sich hier die Stadt auf meine Schultern und haucht mir aufmunternd ins Ohr - ach, das ist der Wind, der über die Bucht hereinweht ...

Am Abend überraschend Yelandris getroffen. Und auch die anderen Typen vom Sommer waren da.

Wir haben uns ordentlich die Kante gegeben, Richard hat einen langen, dünnen Soldaten abgeschleppt, ich bin etwas früher mit Yelandris zurück aufs Zimmer. Wir haben eine ziemlich ... intensive Nacht verbracht.

26.02:

Gegen 10:00 auf, leicht, aber nicht tragisch verkatert. Jetzt, um 15:00 mit Richard und Gerado am Strand von Mi Cayito. Frühstück gabs heute in der Strandbude.

Heute laute Musik, Salsa, Son, Rumba, heftig, fröhlich - Krawall! Es ist Samstag und am ganzen Strand ist Party.

Ich habe gerade an Gran Canaria gedacht und kann jetzt nicht mehr nachvollziehen, was mich früher dorthin gezogen hat. Gegen den Lebensstil hier erscheint Gran Canaria muffig, altbacken und abweisend.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Kuba und anderen Ländern, die sich schwulenfreundlich geben, ist der, dass andere Länder ihre Aufgeschlossenheit herbeireden, zitieren und ausleuchten, während hier in Kuba die natürliche Offenheit der Kubaner ganz selbstverständlich ein Klima der Möglichkeiten gestaltet. Was für ein Segen! Es gibt hier keine schwule Infrastruktur, keine Gayszene, keine Lokale. Alles spielt sich vollkommen selbstverständlich in der Stadt ab, am Land, auf den Stränden. Menschen begegnen sich, suchen Kontakt zueinander, freunden sich an und flirten. Einfach so, weil das nun mal ein Bestandteil der kubanischen Lebenskultur ist. Und gegen diese Art und Weise, einander nicht auszuschließen, sondern anzunehmen, kackt die Weltoffenheit von Städten wie Berlin, Wien, Amsterdam vollkommen ab. Hochglanzprospekte, die die Weltoffenheit besingen hin oder her!

27.02:

Richard und Geraldo liegen quer bäuchlings auf dem Bett und sehen fern. Geraldo hat seinen Arm auf Richards Hüfte und sie sehen so entspannt aus wie vermutlich die ganze Welt am ersten Tag, als noch alles bevorstand und noch nichts geschehen war.

Es ist wundervoll, Menschen so entspannt zu erleben; es entkrampft die Seele, und dort, wo eine Verhärtung war, ist dann ein Lächeln.

Heute zu Mittag Abreise mit Bus nach Varadero. Wir sind mit dem Taxi zum Capitol und von dort gehts dann stracks weiter zur Bettenburg.


Anmerkung

Heute am Strand von Varadero festgestellt: britische Touristen sind besoffene, kalte Fische.

Richard und ich haben am Strand des Hotels Sol Palmeras Muscheln, Puppenarme und Zeit für uns gefunden. Für mich war das heute der bisher schönste Tag, wenn er so neben mir in der Brandung geht, dann weiß ich, mit wem ich bis zum Ende gehen will.

Gestern nach dem Abendessen schon um 21:00 schlafen gegangen.

28.02:

Um 08:00 aufgestanden und wirklich gut gefrühstückt. Dann gleich zum Strand, Liegen aussuchen und Muscheln sammeln - dabei komme ich mir verrückterweise gleichzeitig uralt und kindisch vor. Dabei haben wir recht schöne Fotos gemacht. Beim Muschelsammeln stellt sich bei uns immer wieder so ein Gefühl ein, das dem Glück sehr eng verwandt ist.

Was dem weitgereisten Schwulen, der Havanna kennt, in Varadero sofort auffällt: die Kubaner, die hier arbeiten und leben, sind von der westlichen Zivilisation und den Begierden der westlichen Zivilisation ernsthafter verdorben, als überall anderswo auf der Insel. Die Freundlichkeit ist kalt, professionell und abgefeimt.

Die ständige Begierde und das Hofieren lüsterner Touristinnen und Touristen in den All-Inclusive Resorts wandelt durchaus angemessene Eitelkeit in dumme, nein, in blöde Arroganz, durch die sie für den Reisenden (Im Gegensatz zum Touristen) ganz entschieden an Reiz verlieren.

Jedenfalls ist die Hotelanlage wirklich sehr schön, Richard und ich bezweifeln aber, ob wir es hier 14 Tage aushalten würden. Die einschläfernde Monotonie hier ist enorm, die Menschen sind langweilig und alle irgendwie satt. Und mal ehrlich: Man kann doch nicht den ganzen Tag Ron Collins saufen, nur weil denen die Minzblätter fehlen für den Mojito!


Gedankensplitter:

Ich habe früher nie Cocktails getrunken. Nur Bier und Wodka, weil dies für mich "männliche" Getränke waren. Cocktails hatten für mich immer etwas Feminines. Seitdem ich weiß, dass Ernest Hemingway Mojito und Daiquiri trank, nein, soff, muss ich wohl mein Männlichkeitsbild überarbeiten Ich weiß wie es ist, passiv zu sein und ich weiß wie es ist, aktiv zu sein, und mit der Zeit und dem Alter habe ich mir eine grauhaarige Zurückhaltung anerzogen, mit der ich gut zurechtkomme. Und ja, jetzt trinke ich auch Cocktails, aber nur die Sachen auf Basis von weißem Rum. Man hat ja einen Ruf zu verlieren :-)

01.03

Gestern Abend nach dem Essen haben wir uns noch eine dieser Live-Shows angesehen: Fiesta Latina!

Die Show war annehmbar und nachdem ich im Fernsehen vor ungefähr zwei Monaten die Dokumentation über das Tanztraining im Tropical (Havanna) gesehen habe, konnte ich den Tanzeinlagen doch einiges abgewinnen.

Heute um 07:30 auf. Richard hat Zahnschmerzen. Zum Glück haben wir Parkemed dabei. Er ist unausstehlich, wenn er Zahnschmerzen hat.

Wir haben bereits nach dem Frühstück ausgecheckt und sind jetzt am Strand und haben die erste Runde Muschelsammeln hinter uns. Heute haben wir unser Lager unter einem der Strohdächer aufgeschlagen, die am Waldrand des Strandes aufgereiht sind. Und da kam mir ein Gedanke:

Manche Gedanken können nicht zu Ende gedacht werden, weil sie sich nicht zu Ende denken lassen wollen, weil wir nicht in der Lage sind, sie zu einem Ende zu führen, oder weil es nicht in ihrer Natur liegt, zu Ende gedacht zu werden. Ähnlich wie bei dem Weg, der selbst das Ziel ist, scheint es Gedanken zu geben, denen es genügt, wahrgenommen zu werden.

Von Varadero nach Havanna war die Busfahrt unangenehm: Stinkende, verschwitzte Männer und quengelnde Kleinkinder, alle irgendwie präpotent, wuchtig und laut. Die untergehende Sonne taucht alles in goldenes Licht, blendet aber fast die ganze Busfahrt lange an der Küste entlang nach Westen.

Nach Havanna zu kommen war fast wie eine Art Heimkehr.

Am Abend spielten uns zwei Promenadenmusiker das Lied A donde vas von Leoni Torres vor. Und weil ich gerade an diesem Abend so emotional war, hatte ich tatsächlich etwas Pipi in den Augen.

Ich bin privilegiert, in zwei Kreisen zu sein, die sich immer enger zusammen ziehen: Die Wolken schließen das kreisrunde Loch über uns, und meine Freunde sind um mich.

03.03 - Mein Geburtstag am Strand von Micayito

Ich sitze mit dem Rücken zum Wind, und der Wind wirft Sand auf meinen Rücken, und die Sonne wirft Licht herab, verschenkt sich maßlos, das Meer rollt weiß und türkis, alles ist gut unter Freunden - im Kreis dieser Maßlosigkeit.

Mein erster Geburtstag bei plus 32 Grad: Bezaubernd. Gerade saust hinter uns ein Kite-Surfer auf den weißen Wogen nach Westen. Wir trinken Anejo Blanco mit Zitronenlimonade, der Wind ist stark und fast wütend, das Meer ein donnernder Gast.


23:55

Übrigens habe ich das Gefühl, dass ich heute Bekanntschaft mit dem Tod gemacht habe. Es könnte sein, dass ich, halb betrunken, in der stürmischen See fast ertrunken wäre. Der Sog des Wassers war enorm und zwei Freunde halfen mir an Land. Jetzt glaube ich, dass es nicht wirklich gefährlich war, aber es war doch auch irgendwie ... beunruhigend.


04.03: Abreisetag

Richard und Gino waren noch weiter unterwegs, meinen Geburtstag feiern, ich war kurz nach 00:30 auf dem Zimmer.

Heute sind alle außer mir leicht verkatert. Darum gings nach dem Packen auf ins Hotel Presidente auf ein Mittagessen. Das Hotel strahlt die Gediegenheit alter Mafiafilme aus, das Personal ist besonders langsam, das Essen dafür aber sehr gut. Das sollten wir uns fürs nächste Mal merken.

*Anmerkung von Chino: Kuba kann ganz grob in drei Teile geteilt werden: Orient, Centro und Okzident. Havanna, Pinar del Rio und Matanzas fällt unter Okzitent. Die Aufenthaltsbewilligungen für Kubaner in den einzelnen Provinzen, vor allem aber in Havanna und Varadero, sind eingeschränkt. Kubaner aus den orientalischen Provinzen (Guantanamo ...) dürfen sich nur mit Sonderbewilligungen in den Provinzen des Okzidents aufhalten. Ein Flug von Jose Marti Airport nach Guantanamo kostet für Einheimische rund 30 CUC. Das nächste Mal könnten wir uns von Yorleikis so einen Flug buchen lassen um ein paar Tage in Guantanamo oder Santiago de Cuba zu verbringen. Wenn das nur nicht so furchtbare Rübenbomber wären, die nur durch Spucke und Gebete zusammengehalten werden ...

Jetzt, um 18:00 Uhr holt uns das Taxi zum Flughafen ab. Gerado begleitet uns. Und als wir uns am Flughafen verabschieden, hat er Tränen in den Augen.

Komisch: ich bin erleichtert, dass es wieder nach Hause geht, aber ich glaube, meine Erleichterung ist das Resultat umfassender Erschöpfung.

Diese Fotoserie habe ich am Vormittag unseres letzten Urlaubstages geschossen. Ich wollte unbedingt selbst ein paar dieser Fotos machen, auf denen man sieht, wie das Meer bei Flut über den Malecon gischt und braust, In Wirklichkeit sieht das noch viel eindrucksvoller aus. Hasta luego!